Ein Gesamtkunstwerk: Simon Hantai findet im Museum Frieder Burda ideale Bedingungen vor
Aus Kunst- oder Werkunterricht dürfte sich noch so mancher Ex-Hippie an die Stofflappen erinnern, die zu Bündeln verschnürt, in Farbe getaucht wurden. Nach dem Trocknen kamen Muster zum Vorschein, Kreise, Linien oder Wellen, je nach Wickeltechnik, mehr oder weniger gelungen. Fortgeschrittene falteten ausrangierte Tischdecken oder Laken vor dem Färben oder verwendeten Wachs zur Mustergestaltung ihrer Batikerzeugnisse.
Derart simpel machte es sich natürlich Simon Hantai (1922-2008) nicht! „Entfaltung der Farbe“ ist die aktuelle Ausstellung im Museum Frieder Burda zwar überschrieben, aber die über 40 Werke stehen (auch) für die Entfaltung eines künstlerischen Lebensweges aus dem düsteren Schatten des Eisernen Vorhangs in die Freiheit eines international gefeierten Avantgardekünstlers.
Keine Retrospektive wie beispielsweise die spektakulären Schauen vom Centre Pompidou 2013 und der Fondation Louis Vuitton 2022 soll die erste große Ausstellung seit 25 Jahren in einem deutschen Museum sein, betont Museumschef und Kurator Daniel Zamani, sondern eine Präsentation der jeweils bedeutendsten Werke einer Epoche, alle geprägt von einer wohl unstillbaren Neugier und explosiven Schaffenslust. Der Richard-Meier-Bau an der Oos bietet den mit Unterstützung der Familie Hantei ausgewählten Werken mit seinen lichtdurchfluteten Räumen ideale Bedingungen – die Arbeiten können sogar bei Tageslicht gezeigt werden. „Die Söhne waren begeistert“, erzählt Zamani. Begeistert war auch Hantais Witwe Zsusza, eine sehr muntere 102-jährige Dame.
Die Freiheit der persönlichen Entfaltung hat sich Simon Hantai hart erarbeitet: Der 1922 in der Nähe von Budapest geborene Sohn einer schwäbischen Auswandererfamilie wurde in seiner Jugend stark durch den katholischen Glauben und die Musik geprägt, engagierte sich früh politisch gegen die Kollaboration Ungarns mit Nazi-Deutschland und begann 1941 mit einem Studium an der Kunsthochschule in Budapest. 1948 floh er mit seiner Frau Zsusza vor dem neuen kommunistischen Regime nach Paris – in eine neue, flirrende Kunst-Welt, deren Spektren zu seiner endgültigen Abkehr von der gegenständlichen Malerei führen. Surrealismus, abstrakter Expressionismus, Informel, Action Painting, Collagen – Hantai muss diese Flut neuer künstlerischer Ausdrucksformel wie der buchstäbliche trockene Schwamm aufgenommen und interpretiert haben. 1960 bringt die entscheidende Wende:
Der mittlerweile französische Künstler konzentriert sich auf die „Pliage“ (Faltung). Gefaltete, zerknitterte oder geknotete Leinwand wird mit Öl- oder Acrylfarbe bedeckt. Farbig leuchtende „Zufallsmuster“ zeigen sich beim Entfalten und Glattziehen der Leinwand. Um einen ganz besonderen „Stoff“ handelt es sich bei der insgesamt 28 Werke umfassenden Serie Mariales, die zwischen 1960 und 1962 entstand. Inspiriert von der Madonnenverehrung der katholischen Kirche „entfalten“ sich Teile des traditionellen Schutzmantels in leuchtenden Farben der Renaissance. Einen sehr persönlichen Bezug hat eine scheinbar „kleine“ Arbeit im Vorfeld der riesigen „Tabulas“, die den imposanten Abschluss der Ausstellung bilden: Hantais Mutter Anna trug zu ihrer Tracht eine Rumburger Schürze mit Rautenmuster, die der kleine Simon auf Hochglanz bügeln musste. Das schlichte braune Kleidungsstück stand mit seiner Akkuratesse gewisserweise Pate für die monumentalen Wandbilder, die an Freskenmalerei erinnern.
„Eine schöne Sommerausstellung“ nannte Daniel Zamani„Eine schöne Sommerausstellung“ nannte Daniel Zamani die von ihm ausgewählte Sammlung, deren Farbenreichtum noch bis zum 10. Januar 2027 Licht in düstere Herbst- und Wintertage bringen kann. Unbedingt zu empfehlen sind der Audioguide,
beziehungsweise die Führungen im Begleitprogramm, um die Komplexität dieser Arbeiten mit ihren historischen, spirituellen und politischen Hintergründen zu begreifen. Ein Kunst- Werk für sich ist der im Hirmer Verlag erschienene Katalog, der im Concept Store des Museums zum Sonderpreis von 39 Euro erschienen ist. Eine sehr persönliche Begegnung mit dem Ausnahmekünstler ermöglicht der 1976 von Jean-Michel Meurio gedrehte Dokumentarfilm über Simon Hantai, der in der Kinoreihe Leinwand im Moviac-Kino im Kaiserhof am 27. September, 25. Oktober, 29. November und 27. Dezember jeweils um 17 Uhr gezeigt wird. Wie bei jeder Ausstellung können auch kleine Künstler im Begleitprogramm die Entfaltungsmöglichkeiten von Farbe und der eigenen Kreativität entdecken.
(Irene Schröder)






