Diese Frage stellen sich Dr. Sabine Becker und Tabea Mannßhardt seit über einem Jahr immer wieder. Genüssliches Schwelgen im Überfluss – auch oder nur dank der Arbeit anderer – oder der Verzicht auf alles Überflüssige zugunsten scheinbar kleiner Dinge? Viele Antworten auf die seit der Antike diskutierte Frage haben die Kuratorin der aktuellen Ausstellung im Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhundert, LA8 in Baden-Baden, und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin in die Gestaltung der „Luxus“-Schau mit dem Untertitel „Die Lust am Überfluss“ einfließen lassen. Dass ausgerechnet in Baden-Baden, einst das deutsche Luxus-Städtchen schlechthin, diese Ausstellung gezeigt wird, ist natürlich kein Zufall – ebenso wenig wie die Nachfolge auf die erfolgreiche Auseinandersetzung mit der „Vanitas“ an gleicher Stelle. Und schließlich reicht schon ein Bummel durch die einstige Kurstadt, um immer wieder auf luxuriöse Architektur der Vergangenheit zu stoßen, die teilweise noch heute ihren Zweck als Hotel, Restaurant oder Privatwohnung für sehr hohe Ansprüche erfüllt. Ein extravagantes Beispiel ist neben noch existierenden Grand Hotels die Baden-Badener Villa Sirius, in Architekturkreisen bekannt als „mehrgeschossiger Palast des Großbürgertums“. Architekt Fritz Klingholz setzte mit diesem Bau in der Ludwig-Wilhelm-Straße um 1910 das Thema Jugendstil bis ins kleinste Details der Innenausstattung um.
Die zeitliche Begrenzung auf das 19. / 20. Jahrhundert erweist sich eigentlich als Glücksfall: Der aktuelle „Luxus“ eines Kardashian-Clans, auf den Yachten von Oligarchen, bei Hochzeiten von Superstars und Zeitvertreiben von Unternehmern wie Elon Musk hätte wohl den Rahmen des interessanten kleinen Museums mit ungewisser Zukunft (Welterbe!) gesprengt. So bleibt genügend Raum für Glanz und Glamour , aber auch für die düsteren Seiten des schönen Lebens im Überfluss.
Diesen Überfluss haben Becker und Mannßhardt in zentrale Themenfelder gegliedert: Kulinarik, Kolonialwaren, Mobilität, Mode und Design bis zu Freizeit und Muße. Genussmittel wie Kaffee, Tee, Zucker und Schokolade kamen als kostbare Kolonialwaren an Bord holländischer oder britischer Schiffe aus den Kolonien auf die Tafeln des Adels und Großbürgertums, bevor sich im Zuge der Frühindustriealisierung schließlich auch der „kleine Mann“ diese Leckereien zumindest gelegentlich gönnen konnte. Ein außergewöhnliches Exponat im Eingangsbereich steht für die bittere Wahrheit hinter der Süßigkeit: Unter Glas zieht ein zauberhafter Blumenstrauß die Blicke auf sich. Seide? Papier? Kunststoff? Völlig falsch – Zucker! Die aus Surinam stammende Künstlerin Natasja Sadi erinnert mit ihren Arbeiten an ihre indonesischen und afrikanischen Vorfahren, die auf Zuckerplantagen schuften mussten. Nicht von ungefähr steht der Strauß in einer kostbaren Delfter Porzellanvase ..
Ähnliches galt für die Mobilität: Vom Pferdewagen über Züge mit Dampflokomotiven bis zu den fast unbeschreiblich luxuriös ausgestatteten königlichen Privatwaggons oder Zügen wie dem „Orientexperess“, die von berühmten Künstlern ihrer Zeit ausgestattet wurden. Apropos Reisen: Die Menükarte der „Titanic“ in der Ausstellung weckt noch heute Gelüste, wenn nicht ihr tragisches Schicksal mit den vielen Todesopfern (vor allem aus den Unterdecks) den Appetit dämpfen würde.
„Wir konnten nicht alle Themenbereiche abdecken“, räumt Dr. Sabina Becker ein. „Wir haben beispielsweise die Entwicklung der Herrenmode nicht berücksichtigt, vielleicht auch, weil wir Frauen sind“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Dafür sind die großen Modedesigner der Vergangenheit wie Paul Poiret, Coco Chanel oder Jeanne Paquin im ersten Stock des Museums umso üppiger vertreten. Die Originalgewänder mit ihren Stickereien und raffinierten Schnitten können so manches Fashionista-Herz höher schlagen lassen. Mit Geschick und Fantasie konnte auch in Zeiten des Mangels außergewöhnliche Kleidung gefertigt werden – beispielsweise ein Brautkleid aus Fallschirmseide …
Geht es um Luxus, ist natürlich Schmuck nicht weit – unter anderem aus dem Schmuckmuseum Pforzheim stammen edle Leihgaben, die einst Frisur, Ohren, Hals, Arme, Hände und Dekolleté der Damen von Welt schmückten. Heute ein Reizthema, einst „must have“ der Eleganz: Pelze, deren natürliche Träger nicht nur seit alter Zeit gejagt, sondern im Zuge wachsenden Bedarfs auch in den oft verrufenen Pelzfarmen gezüchtet wurden.
Luxus bleibt aber nicht auf das rein Materielle beschränkt: Die Freizeit, die durch die Industrialisierung gewonnen wurde, bedeutete für die Arbeitnehmerschaft die Möglichkeit, Natur, Sport und Kultur zu genießen – bisher ein Privileg der oberen Klassen. Bildung, vor allem Lesen, eröffnete neue Horizonte.
Apropos Lesen: Der Katalog im praktischen Handtaschenformat ist unbedingt lesens- und anschauenswert und macht Lust, über den eigenen Begriff von Luxus nachzudenken und in Bezug zu den über 200 Objekten der Ausstellung zu setzen. Irene Schröder
Infos: „Luxus. Die Lust am Überfluss“, Museum LA8, Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Lichtentaler Allee 8, 76530 Baden-Baden (Bis 6. Juni 2027)
www.museum.la8.de
Irene Schröder


