Allgemein

Frauen an die Waffe

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Jetzt, da die Empörungswelle ‚Gewalt gegen Frauen‘, hervorgerufen durch die Causa Fernandes vs Ulmen, so langsam wieder abebbt, setzt der DLF entschlossen nach. Das Thema, das uns der Sender nunmehr nahebringen möchte, widmet sich einmal mehr dem Thema Gewalt, diesmal allerdings gegen ältere Frauen, ein Sachverhalt, dem derzeit mit einem Kurs in Köln entschlossen begegnet werde. Der Beitrag war – anders als das über 10 Minuten lange Interview mit dem dem CDU Mann Marc Henrichmann über die Sicherheitslücken bei SIGNAL – trotz längerer Recherche in der DLF Mediathek nicht mehr aufzufinden.

Der Beitrag selbst aber war, soweit mir erinnerlich, von einer Mitarbeiterin namens Milena Feldmann verfasst. Das Thema lautete denn auch: „Gewalt gegen ältere Frauen“ und gipfelte, neben der Darstellung des Sachverhaltes, in der Empfehlung, bisweilen helfe es dem weiblichen Opfer, wenn es dem zudringlichen Täter vom Rollator aus auf den Fuß trete.

Allgemein Institutionen Menschen

Die schnelle Nummer

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Obwohl ich galaktisch gesehen nicht übermäßig alt bin, verzeichnet mein Körper doch leichte Zeichen des Verschleißes. Nichts Drama-tisches, doch fallen von Zeit zu Zeit Arztbesuche an, die ihren Niederschlag in Rezepten und Arztrechnungen finden.

Diese Zeugnisse meines gesundheitlichen Verfalls abzuheften ist eine eine überschaubare, aber auch lohnende Tätigkeit. Denn schließlich möchte man als Privatversicherter diese Rechnungen bei seiner Krankenkasse oder der Beihilfe geltend machen. Dabei handelt es sich um eine segensreiche Einrichtung, von der vor allem die Beschäftigt des öffentlichen Dienstes und Beamte profitieren. Verständlich, dass beide darauf bestehen, die Spuren meines Alterns dokumentiert zu sehen. Erst nach Einreichen der Unterlagen werden die ausgelegten Kosten erstattet.

Erstaunlicherweise erfolgt das Prozedere in unzeitgemäß einfacher Weise. Sozusagen nach alter Väter Sitte. Man schickt die Unterlagen dorthin und erhält nach relativ kurzer Zeit das ausgelegte Geld zurück. Eine Nachricht aus einer fast vergessenen Welt

Denn zu meiner größten Freude ist bei diesen Behörden die Digitalisierung noch nicht soweit fortgeschritten, dass etwa um das papierlose Übermittlung der Dokumente gebeten würde. Kein ‚Scan to Mail‘ wird verlangt,  kein Drucker bemüht, der, wie der Meine, bei allmählich leer werdender Patrone das Scannen verweigert! Da hängt sich kein Rechner auf; das System hängt sich nicht auf und auch nicht der Patient. Alles klappt händisch, weshalb sich vermutlich die Personalstärke des dortigen Verwaltungsapparats noch in Grenzen hält.

Allerdings – und das muss gesagt werden – bittet man mich ausdrücklich darum, die beigelegten Dokumente nicht „zu klammern, heften, kleben“. Warum man das von mir verlangt, hat sich mir bislang nicht erschlossen. Denn in der Tat wäre es doch sinnvoll, die einzelnen Schriftstücken zumindest ein bisschen zu fixieren, allein schon deshalb, damit sie in dem formatbedingt großen DIN 4 Umschlag nicht umherlungern.

Um das vorschriftsbedingt Schlimmste zu verhindern, pflege ich deshalb vor dem Eintüten  die Dokumente  wenigstens zu nummerieren. Was ich umso lieber tue, als dass ich mir einbilde, dass durch das erbetene Weglassen von metallenen Heftklammern Gewicht und Rohstoffe gespart werden. Ein angenehmer Nebeneffekt wäre zudem noch, dass bei Sichtung der Unterlagen das Nageldesign der  Verwaltungsfachangestellten keinen Schaden nimmt. 

 

Allgemein Stadtstreicher

„Tolle Wolle“ Teil. 1

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Wie im Breisgau ein kleines Geschäft dem Zeitgeist trotzt

Als in Freiburg am 27. November 1944 infolge eines verheerenden Bombenhagels 14 000 Gebäude zerstört oder beschädigt wurden, kamen dabei 3000 Menschen ums Leben. Und doch geschahen zwei Wunder. Ein großes: das Münster wurde verschont. Und ein kleines: das sich in seinem Schatten duckende ‚Haus zum Tutenkolben´ überstand den Angriff ebenfalls unbeschadet.

Ein Glücksfall für die Schwestern Barbara und Friederike Strauß, die später dort einzogen und von dort aus seit 1976 Freiburg mit „Wäsche“ und „Wolle“ versorgen. Seit dieser Zeit ist die Adresse zu einer verlässlichen Anlaufstelle für Kurz-, aber ganz besonders für Strick- und Handarbeitswaren geworden.

So wie sich das kleinen Haus in eine Nebengasse, fast also im Windschatten des Münsters kauert, so findet sich dort – das Haus trägt die Jahreszahl ‚vor 1364´- auch ein unzeitgemäßes Angebot an all jene, die partout nicht einsehen wollen, dass man einen Pullover bereits nach zwei Monaten im Kleiderkontainer entsorgt. Wer dort einkauft, der hängt an der Nadel, die ihm Nachhaltigkeit verspricht.

Kein Wunder, lockt das dortige Sortiment bevorzugt jene an, die noch Freude am Machen und am Werden haben und für die noch der schrägste ‚Tatort´ als willkommener Vorwand dient, sich mit Wollzeug in der Hand neunzig Minuten lang zu vergnügen.

Dass diese Kunden, anders als noch in den 70er Jahren, nicht mehr die große Masse sind, weiss Friederike Strauß. Immerhin aber kann sie sich offensichtlich auf einen kleinen aber feinen Kundenkreis verlassen, der das Überleben dieses Geschäfts sicherstellt. Natürlich, sagt die Inhaberin, seien die grossen Zeiten des Selberstrickens vorbei. Damals, so könnte man sie interpretieren, sei durch das Aufkommen der Grünen Bewegung jede Übertragung aus dem Bundestag im Grunde genommen eine Werbeveranstaltung fürs Stricken gewesen. Keine Redebeitrag im Hohen Hause, der nicht durch das Stricknadelgeklapper großer Teile der Grünen Fraktion umspielt wurde. Als könnten unter dem steten Beschuss durch Wollknäuel Atomreaktoren bersten und die kritische Masse sich in Luftmaschen auflösen.


Die Zeiten seien vorbei. Natürlich würde die Inhaberin das so nie formulieren. Doch immerhin gelang es den zwei Schwestern durch die Verbreitung des Angebotes das Überleben des Geschäfts zu sichern. Dabei musste man sich immer wieder verändern, anpassen. Dieser Prozess beschreibt ein Stück weit auch die Geschichte Freiburgs, wie sich von Zu- und Abgezogenen halt nicht erzählt wird.

1928 finden wir das erste „Wäsche- und Wollgeschäft“ in der Eisenbahnstrasse am Rathausplatz. Das Angebot bestand damals in Tisch-und Bettwäsche, sah sich aber bald durch Strumpfwaren und Herrenhemden erweitert. Dann wird das Geschäft übergeben. Der Schwiegersohn übernimmt. Fortan also heißt man Rapp. Junge Frauen nähen ihre eigene ‚Aussteuer´. Dem vorhandenen Angebot wird Trikotunterwäsche beigemischt. Eine eigene Näherei stellt auch elegante Blusen her. 1935 – es wird kälter in Deutschland – wird das Portfolio um Woll- und Daunensteppdecken erweitert. Dann haben wir das Jahr 1942. Hemden und Blusen werden aus Mangel an Stoffen aus Fallschirmseide genäht. Das geht so, bis ein alliierte Luftangriff ihr erstes Geschäft – noch am Rathausplatz – zerstört. Dann das Kriegsende. Währungsreform.
Wir überspringen die Zeit…..

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„Tolle Wolle“ Teil 2

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Wir überspringen die Zeit, da Ernst Rapp Anfang der 50er Jahre mit Hotelwäsche umherreist, ein Reisender, wie man ihn heute nicht mehr kennt. Umherziehen, Waren anpreisen, Klinken putzen.

Zur Ruhe kommt das Ganze erst wieder, als man – das kleine Wunder war geschehen – in den jetzigen ‚Laden´ in der Buttergasse, nahe des Münsters einzieht, im Gepäck auch die Kunstfasern Nylon und Perlon, der neueste Schrei also. Sehr gefragt damals muss auch die Kunst der sogenannten Kragenerneuerung gewesen sein. Man nannte das „von unten und ansetzen“, eine Fähigkeit, die heute in Freiburg nur noch von ganz naturbelassenen NäherInnen gepflegt wird.

In ihrem anlässlich des hundertjährigen Bestehens verschenkten Notizblock erinnern uns die Schwestern Strauß weiter daran, wie man Mitte der 60er Jahre das überaus dehnbare ‚Chinchillan‘ im  Angebot hatte, eine Gewebe, das hochelastisch zum Markenzeichen von Feinstrumpfhosen geworden war, am Po und Schenkel sozusagen mitwuchs.

Genug der Geschichte, an der auch wir mitgewachsen sind. Heute präsentiert sich das kleine Geschäft im Schatten des ehrwürdigen Münsters wie ein Relikt, das wie durch ein Schlüsselloch den Blick freigibt ins Innere einer vergangenen Zeit, als man sich auch noch auf die hohe Kunst des Knopflochnähens verstand.

Wo sonst noch findet man eine so reiche Auswahl an Nadeln, Knöpfen und Druckknöpfen, kurz, all die vielen Dinge, die uns unter dem spröden Begriff ‚Kurzwaren‘ brav dienen. Dinge des täglichen Bedarfs, die, nie groß beachtet, das Leben ein gutes Stück weit am Laufen halten. Schnürsenkel z.B., aber auch Klettverschlüsse. Weiter im Angebot Unterwäsche, Leibchen auch, deren Haltbarkeitsdaten weit in die Zukunft weisen. Daneben finden sich hier noch die gute alte Unterhose mit Eingriff, eher Schlüpfer als String. Auch Büstenhalter hat’s dort, gebaut, um zu helfen, zu tragen, statt zu präsentieren, zu formen. Kurz: die ganze zweckmäßige Palette, mehr praktisch und nützlich als stylish und sexy.

Nun gut. Die großen Zeiten sind vorbei, aber, wie man so sagt: noch immer ernährt das Geschäft seine Eignerinnen. Mehr hatten sie ja auch nie gewollt. Expandieren, erweitern, Filialen eröffnen? An so etwas hatten die Schwestern nie gedacht. Immerhin können sie davon leben. Um sie herum macht alles schnell auf und bald wieder zu. Sie, die Damen, sind immer noch da, mit ihrem Handwerk von gestern, das sich allerdings immer auch wieder anpassen musste an die sich verändernde Zeit. Da sind sie auf ihre Art wieder auch wieder aktuell, dem Jetzt zugewandt.

Und doch – was ist vom Gestern noch geblieben? Vielleicht kleine Reste, wie die: wo denn sonst sieht man in der heutigen, ‚schnelllebigen´ Zeit noch zwei Damen in ihrem engen, übervollen Wollgeschäft, wo sie, ist gerade nicht viel zu tun, noch eben die Ferse eines Kindersöckens zu Ende stricken, um es in ihren Laden dann zu verkaufen? Wo gibt‘s denn heute noch sowas? Nirgends.

Nur dort halt.

Allgemein Essen & Trinken Menschen

„Tante Mimser“ Teil 1

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Die kleine Stadt Oberkirch liegt am Eingang zum Renchtal. Das Haus meiner Großeltern steht dort noch heute. Es liegt schräg gegenüber der evangelischen Kirche. Dieses Haus hatten meine Urgroßeltern gekauft, die, tüchtig wie sie offensichtlich waren, in Schildigheim bei Straßburg eine Metzgerei betrieben hatten und schon bald zwei Häuser besaßen. Dann ging der  1. Weltkrieg verloren und das Elsass gehörte wieder zu Frankreich. Plötzlich hörte mein Urgroßvater, im Elsass drohe den Deutschen die Enteignung. Es wäre besser, er würde beide Häuser verkaufen. Tatsächlich war Matthäi am letzten. Eines der Objekte konnte gerade noch veräußert werden. Ein Freund, Lokführer bei der Eisenbahn, schmuggelte ihm das Geld aus dem Verkauf ins Badische. So kam es, dass meine Familie mit diesem Geld das Haus der ehemaligen Poststation in Oberkirch erwarb und darin ein Hotel nebst Restaurant betrieb, das sie den ‚Schwarzen Adler’ nannte.

Das Haus liegt an der Hauptstraße, direkt in einer scharfen Kurve. Dort erlebte ich aus Kind, aus dem Fester lugend, wie sich ein kleines Auto, ein Simca voller Elsässer, diese Kurve wohl etwas zu schnell genommen hatte, sich dann pendelachsenbedingt zur Seite legte, worauf die Insassen den Wagen durchs Fenster verließen, ihre Simca schnell wieder auf die Achsen stellten und die Fahrt fortsetzten. Doch war das nicht das einzig Bemerkenswerte an meiner Kindheit. Da gab es noch ein Faktotum namens ‚Schwab’, der aus Urloffen stammte und als Knechtsfigur irgendwie zum Inventar gehörte. Er soll, so die Erzählung, mich als Kind unbändig geliebt haben. Weiter verwöhnte mich ein älteres Hausmädchen namens ‚Wieg’, nicht zu vergessen auch der erste Freund meiner Kindheit, der Uhrmacher Müller, bei dem ich auf dem Boden sitzend, von Zeit zu Zeit glücklich einen alten Wecker auseinanderschrauben durfte.

Seinen Vater nannte man damals aus heute nicht mehr nachvollziehbarem Grund ‚Quatre Vingt’. Ihm ging der Ruf voraus, er könne aus dem Fluss, der Rench, Forellen mit bloßer Hand fangen. Soweit hatte es sein Sohn, mein erwachsener Uhrmacherfreund, noch nicht gebracht. Der hatte sich vorerst einmal die dunkelhaarige Bedienung meiner Großmutter gefischt, mit der er ein Techtelmechtel pflegte. Sie hieß Elisabeth und muss wohl als irgendwie rassig gegolten haben, denn sie trug, wie die Zigeunerinnen auf zeitgenössischen Ölgemälden, große goldene Ohrringe und zudem noch schwarze Unterwäsche, die zu meinem knabenhaften Entzücken, allwöchentlich zum Trocknen an der Wäscheleine hing. Weiter gab es da noch eine ältere Dame, die – ich erinnere mich schemenhaft – auf dem riesigen Speicher des ‚Schwarzen Adler’ wohl eine Wohnung, tatsächlich aber eher eine Art Verschlag, bewohnte.

Das war Wilhelmine Rösch, auch die ‚Röschin’ genannt.

Diese Frau Rösch, von anderen auch noch Mimi genannt, betrieb in den frühen Sechzigerjahren eine Art Kiosk im ‚Städtl’. Dieser Kiosk lag eher versteckt in einer Gasse, die zum Kirchplatz führte. Der Kiosk bestand aus einem kleinen Raum, der ein Fenster nach draußen besaß. Dort, im Halbdunkeln, verkaufte sie neben allerlei Krimskrams vor allem Zeitschriften, darunter die ‚Bunte’, ‚Burda Moden’, auch die ‚Praline‘ und jede Menge Kreuzworträtselhefte. Unter den vielen Journalen, die dort zu haben waren, gab es bereits auch schon den ‚Spiegel’, was Wilhelmine Rösch bei den Honoratioren, die sich im Schwarzen Adler zum allwöchentlichen Stammtisch trafen, den Ruf eintrug, eine Intellektuelle zu sein.

Einer ihrer Kunden war der Obstgroßhändler Langenmeier, der, so stellte ich beim Sichten des Nachlasses meiner Großmutter fest, den ‚Spiegel‘ abonniert hatte und eigentlich jeden Artikel – mit seltenen Ausnahmen – von vorne bis hinten unterstrich, um nach abgeschlossener Lektüre das üppig bemalte Journal anschließend dem Hause großmütig zur allseitigen Erbauung zu überlassen. Dort lagen dann die Hefte im sogenannten Frühstückszimmer, und jeder Gast sah sich vom Obstgroßhändler Langenmeier also intellektuell an der Hand genommen, galt es, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Frau Rösch hatte sich, soweit mir erinnerlich, nie zum Inhalt des ‚Spiegel’ geäußert. Deutlich in Erinnerung ist mir aber noch ihr Parfum, das damals wohl ‚4711 Kölnisch Wasser’ war und das in der den älteren Damen gemäßen Geruchsrichtung ‚Tosca’ entweder durch tupfen aufgetragen oder aus einem Flacon versprüht wurde. Hier vermischt sich rückblickend die Erinnerung an ihren schon deutlich gefältelten Brustansatz. Da könnte ich jetzt auch noch an das Spitzentaschentüchlein denken, das, mit Klöppelrand, den Eau de Cologne Duft aufgenommen hatte, um ihn an entlegenerer Stelle zu konservieren.

Was damals noch aktuell war, ist, rückblickend betrachtet, der Duft von Gestern, der da vom Speicher herunterzog und in Person der Röschin allwöchentlich präsent war. Denn der Stammtisch der älteren Herren – von denen man sich nie vorstellen konnte dass sie je jung gewesen waren – rief immer nach Wilhelmine Rösch. Besuchte ich meiner Großmutter, war es an mir, Wilhelmine Rösch als eine Art kindlicher Emissär zur Teilnahme an der abendlichen Gesellschaft zu bitten. Sie war die einzige Frau, die, ohne je die Eifersucht der daheimgelassenen Gattinnen zu erregen, an den runden Tisch gebeten werden durfte. Die Glückliche.

 

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