Der Badenblogger » 20. März 2025

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Fleischeslust und heile Welt

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Liebig & Co.: Bunte Bildchen bestücken Sammleralben / Ausstellung in der Badischen
Landesbibliothek in Karlsruhe

Wenn meine Mutter Lebensmittel einkaufen ging, konnte sie mit meiner Mahnung rechnen: „Bring‘ unbedingt Birkel-Nudeln mit!“ Dabei ging es mir keineswegs um die Qualität von Spaghetti oder anderen Erzeugnissen der Mannheimer Firma, sondern um die bunten Reklamebildchen. Aus dem gleichen Grund kaufte meine Berliner Oma nur Eier einer bestimmten Marke – Fotos von Filmstars lagen der Packung bei und wurden der Enkelin per Post gebündelt zugeschickt. (Was hat sie bloß mit den vielen Eiern angestellt?)Die Objekte meiner kindlichen Sammelwut landeten in einer alten Zigarrenkiste und irgendwann im Abfall – nicht vergleichbar mit den offenbar sorgsam gehüteten und in aufwändig gestaltete Alben eingeklebten kleinen Kunstwerken, die derzeit in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe zu bewundern sind. „Wissen in Bildern“ hat . Dr. Julia Freifrau Hiller von Gaertringen die von ihr kuratierte Ausstellung überschrieben. Während der bis zum 27. September dauernden Schau wird die Leitende Bibliotheksdirektorin selbst an mehreren Terminen die Vitrinen für Besucher öffnen und mit ihnen in den Alben – und in Erinnerungen – blättern.

 
Markenbindung ist keineswegs ein Grundbegriff modernen Marketings: Bereits anno 1872 hatte die Firma Liebig die zündende Idee, für ihren später legendären und für viele Hausfrauen unentbehrlichen Fleischextrakt mittels kostspieliger Chromolithografien zu werben. Glückliche Familien oder adrett gekleidete Ausflügler ließen sich die rasch zubereiteten Speisen schmecken Liebig brachte Würze ins Küchenleben. Aufgrund des Erfolgs sprangen viele Firmen, darunter zahlreiche badische Unternehmen, auf den Reklame(feld)zug auf. Exotische Fernziele, die noch nichts mit Massentourismus gemein hatten, „wilde“ Menschen und Tiere, Burgen und Schlösser, Märchen,  Freizeit, Sport, Literatur und Theater, Technik … das Themenspektrum spiegelte sowohl den Alltag als auch die dem Normalbürger uner-reichbare Traumwelten wider.


Doch wohin mit den Bildern? Für die wohlerzogenen Kinder (und erwachsenen Sammler) wurden Sammelalben entwickelt, die nicht nur die sichere Aufbewahrung erlaubten, sondern auch mit erklärenden Texten versehen waren. Ganze Romane, beispielsweise von Karl May, konnten illustriert werden, selbst für das Nibelungenlied gab es dramatische Bebilderungen. Zeitgeist und Zeitgeschichte, Wirtschaft und Politik – die bunte Welt zwischen den Albendeckeln bediente viele Interessen und Sehnsüchte und natürlich den Kommerz! Es wurde gesammelt, getauscht und gekauft. Heute werden im Internet neben den Nostalgiealben auch die Nachfolger um Panini oder Pokemon angeboten – die Sammellust scheint ungebrochen.

Um Alben und Geschichten geht es bei der Reihe „Album der Woche“, bei denen jeweils ein Exemplar den Ehrenplatz erhält (Kontakt: sammelbilder@blb-karlsruhe.de) Dr. Julia von Hiller bittet jeweils einmal im Monat zu „Rendezvous mit den Originalen“ ab 17 Uhr.

Die nächsten Termine sind für den 26. März und 25. April geplant.

(Irene Schröder)

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